Übertragung des Textes über Ingelheim aus der
Kosmographie von 1628
<mit
Ergänzungen aus der ansonsten gleichen Fassung von 1545; H.G.>
Von
Ingelheim, des Heiligen Römischen Reichs Tal oder Grund
Ingelheim, dieser Flecken (da ich Münster
erzogen und geboren bin) liegt zwischen Mainz und Bingen auf halbem Weg.
Von ihm findet man viel in historischen Schriften. Denn da liegt ein
Schloss, das man jetzt den Ingelheimer „Saal“ nennt, das vor 800
Jahren eine Pfalz Karls des Großen gewesen ist, wo er sich besonders oft
aufgehalten hat, wenn er in Oberdeutschland war. Es gibt auch viele
Autoren, die schreiben, dass er da geboren sei. Aber die anderen meinen,
dass er in Lüttich an der Maas geboren sei.
Als er diesen Palast gebaut oder erneuert hat, hat er
auch zu Nijmegen bei Kleve an der Waal <südl. Hauptmündungsarm des
Rheins; H.G.> einen
anderen Palast gebaut, der aber später - Anno 881 - von den Normannen verbrannt und
geschleift wurde.
Es ließ dieser Kaiser Karl die Fürsten
und Herren des deutschen Landes nach Ingelheim einberufen, damit sie
Tassilo, der Herzog von Bayern, verurteilten. Der wurde nun wegen schwerer
Vergehen angeklagt und auch zum Tode verurteilt, aber Kaiser Karl gönnte
ihm das Leben noch länger, verbannte ihn nach Lorsch ins Kloster und
machte einen Mönch aus ihn; dort führte er ein seliges Leben.
Ebenfalls hielt Kaiser Ludwig der Milde <= der
Fromme; H.G.>, Kaiser
Karls Sohn, zu Ingelheim einen Reichstag ab, und es wurden zu ihm große
Gesandtschaften aus vielen Ländern geschickt, nämlich von Rom über das
Meer her und aus Dänemark.
Bald danach im Jahre 840 starb dieser Kaiser auf der
Insel bzw. der Au, die gegen(über?) Ingelheim im Rhein liegt, und sein Leichnam wurde
nach Mainz <falsch: Metz!> überführt und da bestattet.
Anno 948 wurde in Ingelheim ein
<1544 falsch: "kleines" ; H.G.>
Konzil von 34 Bischöfen
abgehalten, und es war Kaiser Otto der Große selbst zugegen. Der Papst
schickte auch seinen Legaten mit Namen Marinus, einen Bischof, dahin, der
das Konzil leiten sollte.
Anno 1044
<November 1043! H.G.> hielt Kaiser Heinrich III. zu Ingelheim
Hochzeit mit Agnes, der Tochter Herzog Wilhelms von Aquitanien und
Poitou. Und da eine unzählig große Menge von Gauklern, Spielleuten
und Schalksnarren dahin kam, gab er keinem weder Schenke noch Lieferung, sondern schickte sie einfach
<1544 "ungegessen"; H.G.> weg. Dieser Kaiser
Heinrich hat das Münster zu Speyer gebaut.
Anno 1106 wurde Kaiser Heinrich IV. zu Ingelheim
seiner kaiserlichen Würde beraubt, wie ich zuvor bei der Beschreibung von
Mainz berichtet habe.
Kaiser Friedrich I. hat den kaiserlichen Palast zu
Ingelheim wieder renoviert, nachdem er aus Altersgründen halb verfallen
war.
<Anno 1337 hat die Ritterschaft am Rheinstrom ein
Turnier nach Ingelheim gelegt und es am Sonntag nach Allerheiligen
abgehalten. Da waren anwesend: Rudolf, Pfalzgraf bei Rhein; Bernhard,
Herzog zu Braunschweig und Lüneburg; Gerlach, H. zum Berg; Rudolf,
Markgraf zu Baden; Ludwig der Friedsame, Landgraf zu Hessen; Wilhelm, der
jüngere Markgraf zu Jülich; Ludwig, Landgraf zu Lüchtenberg; Eberhard
der Greiner, Graf zu Württemberg; Friedrich, Graf zu Hennenberg; Johann, Graf zu Nassau und Saarbrücken; Wolfgang, Graf zu
Katzenellenbogen; Johann, Graf zu Hohenzollern; Ulrich, Graf zu Hanau;
Friedrich, Graf zu Leiningen; Otto, Graf zu Wertheim; Johann, Graf zu
Uheringen; Albrecht, Graf zu Kyrburg; Siegmund, Graf zu
Fürstenburg; Jörg, Wildgraf zu Tann; Wecker, Graf zu Zweibrücken; Eberhard, Graf zu Falkenstein; Wilhelm, Graf
zu
Stein; Heinrich, Graf zu Salm; Jörg, Graf zu Thierstein; Friedrich, Graf
zu Sarwerden; es waren auch da 16 Freiherren, 34 Ritter und 130
Edelmänner. <1544, fortgelassen 1628; H.G.>
Anno 1360
<richtig: 1354> oder um dieselbe Zeit ließ Kaiser Karl, König
zu Böhmen, zur Erinnerung an Kaiser Karl den Großen, diesen Saal erneuern und stiftete darin ein Kollegium vom Regulierten Orden
<
=
„Augustiner-Chorherren“ H.G.> und unterstellte dieses Kloster dem
Kloster zu Prag in Böhmen. Es steht jetzt noch, aber es sind keine Mönche
mehr drin. Alle Gebäude sind auch ziemlich verfallen, abgesehen von der
Kreuzkirche. Die Ringmauer und der Graben sind auch noch in gutem Zustand.
Es sind nach meiner Erinnerung noch fünf oder sechs Steinsäulen darin
gewesen, die vor langer Zeit Kaiser Karl der Große von Ravenna aus Italien hat holen lassen, zusammen mit anderen Säulen,
die er nach Aachen verschiffte. Aber Pfalzgraf Ludwig hat sie später nach
Heidelberg in das Schloss transportieren lassen, und da sind sie noch.
Anno 1460
<in der Mainzer Stiftsfehde; H. G.> zog der Bischof von Mainz, Herzog Ludwig
von Veldentz, Graf Emich von Leiningen mit ihren Helfern vor die
Ingelheimer Pfalz und belagerten sie. Aber Pfalzgraf Friedrich machte sich
auf, und ehe er nach Ingelheim kam, hatten sich die Feinde davon gemacht.
Da rückte der Pfalzgraf vor Mainz und brandschatzte die Klöster <„Pfaffenhäuser“> zu St. Viktor, zu St. Alban und zum Hl.
Kreuz um 4000 Gulden <d.h., er erpresste 4000 Gulden mit der Drohung,
sie sonst zu plündern und zu verbrennen; H.G.>. Danach zog Herzog
Friedrich Anno 1470 gegen Olm, das nicht weit von Mainz liegt, das Bischof
Adolf von Nassau an Herzog Ludwig wegen seiner Hilfe verpfändet hatte und
nahm es ein. Da gaben ihm die Domherren 4000 Gulden, und es fiel wieder
ans Bistum. Wie Ingelheim und Oppenheim und Kaiserslautern an die Pfalz
verpfändet wurden, habe ich insgesamt schon genug berichtet.
Anno 1504
zog Landgraf Wilhelm
<von Hessen, während des Landshuter Erbfolgekriegs; H.G.> gegen Ingelheim und
brannte das ganze Dorf nieder. Und nachdem er manchen schweren und teuren
Schutz <= Geschütz? Schuss? H. G.> gegen den Saal getan hatte und ihn
nicht wie beabsichtigt einnehmen konnte, zog er mit Schaden ab.
Was die alten deutschen Kaiser bewegt haben mag, in
diesem Saal so oft Quartier zu nehmen, dafür kann ich keine andere
Ursache finden, als dass das Land ringsum sehr fruchtbar ist. Außerdem
hat dieser Fleck auch eine sehr freie Lage. Er liegt ein klein wenig an
einer Höhe, und man hat freie Sicht in den Rheingau bis nach Bingen
hinab; auf Mainz zu aber gibt es eine Anhöhe, auf der eine große weite
Hoch-Fläche ist, wo vor Zeiten ein Wald gestanden hat, so dass man es
noch heute „auf dem Wald“ nennt. Dort haben die Kaiser ihr Jagd-Vergnügen
gehabt. Bei Essenheim ist noch ein Stück von diesem Wald übrig. Kaiser Karl hat diesen Flecken von vielen Abgaben
befreit, insbesondere dass die Einwohne keinen <Wein-; 1544> Zehnten bzw.
„Klein-Zehnten“ geben müssen. Sie zahlen allein den Zehnten von der
Frucht. (H. G.)
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