Sebastian Münster

Namenspatron des Ingelheimer Gymnasiums


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Beschreibung Ingelheims

und Übertragung ins Neuhochdeutsche

(Ausgabe 1628)

 

 

Stadtbild groß

 

 

Übertragung des Textes über Ingelheim aus der Kosmographie von 1628

<mit Ergänzungen aus der ansonsten gleichen Fassung von 1545; H.G.>

 

Von Ingelheim, des Heiligen Römischen Reichs Tal oder Grund

 

Ingelheim, dieser Flecken (da ich Münster erzogen und geboren bin) liegt zwischen Mainz und Bingen auf halbem Weg. Von ihm findet man viel in historischen Schriften. Denn da liegt ein Schloss, das man jetzt den Ingelheimer „Saal“ nennt, das vor 800 Jahren eine Pfalz Karls des Großen gewesen ist, wo er sich besonders oft aufgehalten hat, wenn er in Oberdeutschland war. Es gibt auch viele Autoren, die schreiben, dass er da geboren sei. Aber die anderen meinen, dass er in Lüttich an der Maas geboren sei.

Als er diesen Palast gebaut oder erneuert hat, hat er auch zu Nijmegen bei Kleve an der Waal <südl. Hauptmündungsarm des Rheins; H.G.> einen anderen Palast gebaut, der aber später - Anno 881 - von den Normannen verbrannt und geschleift wurde.

Es ließ dieser Kaiser Karl die Fürsten und Herren des deutschen Landes nach Ingelheim einberufen, damit sie Tassilo, der Herzog von Bayern, verurteilten. Der wurde nun wegen schwerer Vergehen angeklagt und auch zum Tode verurteilt, aber Kaiser Karl gönnte ihm das Leben noch länger, verbannte ihn nach Lorsch ins Kloster und machte einen Mönch aus ihn; dort führte er ein seliges Leben.

Ebenfalls hielt Kaiser Ludwig der Milde <= der Fromme; H.G.>, Kaiser Karls Sohn, zu Ingelheim einen Reichstag ab, und es wurden zu ihm große Gesandtschaften aus vielen Ländern geschickt, nämlich von Rom über das Meer her und aus Dänemark.

Bald danach im Jahre 840 starb dieser Kaiser auf der Insel bzw. der Au, die gegen(über?) Ingelheim im Rhein liegt, und sein Leichnam wurde nach Mainz <falsch: Metz!> überführt und da bestattet.

Anno 948 wurde in Ingelheim ein <1544 falsch: "kleines" ; H.G.> Konzil von 34 Bischöfen abgehalten, und es war Kaiser Otto der Große selbst zugegen. Der Papst schickte auch seinen Legaten mit Namen Marinus, einen Bischof, dahin, der das Konzil leiten sollte.

Anno 1044 <November 1043! H.G.> hielt Kaiser Heinrich III. zu Ingelheim Hochzeit mit Agnes, der Tochter Herzog Wilhelms von Aquitanien und Poitou. Und da eine unzählig große Menge von Gauklern, Spielleuten und Schalksnarren dahin kam, gab er keinem weder Schenke noch Lieferung, sondern schickte sie einfach <1544 "ungegessen"; H.G.> weg. Dieser Kaiser Heinrich hat das Münster zu Speyer gebaut.

Anno 1106 wurde Kaiser Heinrich IV. zu Ingelheim seiner kaiserlichen Würde beraubt, wie ich zuvor bei der Beschreibung von Mainz berichtet habe.

Kaiser Friedrich I. hat den kaiserlichen Palast zu Ingelheim wieder renoviert, nachdem er aus Altersgründen halb verfallen war.

 

<Anno 1337 hat die Ritterschaft am Rheinstrom ein Turnier nach Ingelheim gelegt und es am Sonntag nach Allerheiligen abgehalten. Da waren anwesend: Rudolf, Pfalzgraf bei Rhein; Bernhard, Herzog zu Braunschweig und Lüneburg; Gerlach, H. zum Berg; Rudolf, Markgraf zu Baden; Ludwig der Friedsame, Landgraf zu Hessen; Wilhelm, der jüngere Markgraf zu Jülich; Ludwig, Landgraf zu Lüchtenberg; Eberhard der Greiner, Graf zu Württemberg; Friedrich, Graf zu Hennenberg; Johann, Graf zu Nassau und Saarbrücken; Wolfgang, Graf zu Katzenellenbogen; Johann, Graf zu Hohenzollern; Ulrich, Graf zu Hanau; Friedrich, Graf zu Leiningen; Otto, Graf zu Wertheim; Johann, Graf zu Uheringen; Albrecht, Graf zu Kyrburg; Siegmund, Graf zu Fürstenburg; Jörg, Wildgraf zu Tann; Wecker, Graf zu Zweibrücken; Eberhard, Graf zu Falkenstein; Wilhelm, Graf zu Stein; Heinrich, Graf zu Salm; Jörg, Graf zu Thierstein; Friedrich, Graf zu Sarwerden; es waren auch da 16 Freiherren, 34 Ritter und 130 Edelmänner. <1544, fortgelassen 1628; H.G.>

 

Anno 1360 <richtig: 1354> oder um dieselbe Zeit ließ Kaiser Karl, König zu Böhmen, zur Erinnerung an Kaiser Karl den Großen, diesen Saal erneuern und stiftete darin ein Kollegium vom Regulierten Orden < = „Augustiner-Chorherren“ H.G.> und unterstellte dieses Kloster dem Kloster zu Prag in Böhmen. Es steht jetzt noch, aber es sind keine Mönche mehr drin. Alle Gebäude sind auch ziemlich verfallen, abgesehen von der Kreuzkirche. Die Ringmauer und der Graben sind auch noch in gutem Zustand. Es sind nach meiner Erinnerung noch fünf oder sechs Steinsäulen darin gewesen, die vor langer Zeit Kaiser Karl der Große von Ravenna aus Italien hat holen lassen, zusammen mit anderen Säulen, die er nach Aachen verschiffte. Aber Pfalzgraf Ludwig hat sie später nach Heidelberg in das Schloss transportieren lassen, und da sind sie noch.

Anno 1460 <in der Mainzer Stiftsfehde; H. G.> zog der Bischof von Mainz, Herzog Ludwig von Veldentz, Graf Emich von Leiningen mit ihren Helfern vor die Ingelheimer Pfalz und belagerten sie. Aber Pfalzgraf Friedrich machte sich auf, und ehe er nach Ingelheim kam, hatten sich die Feinde davon gemacht. Da rückte der Pfalzgraf vor Mainz und brandschatzte die Klöster <„Pfaffenhäuser“> zu St. Viktor, zu St. Alban und zum Hl. Kreuz um 4000 Gulden <d.h., er erpresste 4000 Gulden mit der Drohung, sie sonst zu plündern und zu verbrennen; H.G.>. Danach zog Herzog Friedrich Anno 1470 gegen Olm, das nicht weit von Mainz liegt, das Bischof Adolf von Nassau an Herzog Ludwig wegen seiner Hilfe verpfändet hatte und nahm es ein. Da gaben ihm die Domherren 4000 Gulden, und es fiel wieder ans Bistum. Wie Ingelheim und Oppenheim und Kaiserslautern an die Pfalz verpfändet wurden, habe ich insgesamt schon genug berichtet.

Anno 1504 zog Landgraf Wilhelm <von Hessen, während des Landshuter Erbfolgekriegs; H.G.> gegen Ingelheim und brannte das ganze Dorf nieder. Und nachdem er manchen schweren und teuren Schutz <= Geschütz? Schuss? H. G.> gegen den Saal getan hatte und ihn nicht wie beabsichtigt einnehmen konnte, zog er mit Schaden ab.

Was die alten deutschen Kaiser bewegt haben mag, in diesem Saal so oft Quartier zu nehmen, dafür kann ich keine andere Ursache finden, als dass das Land ringsum sehr fruchtbar ist. Außerdem hat dieser Fleck auch eine sehr freie Lage. Er liegt ein klein wenig an einer Höhe, und man hat freie Sicht in den Rheingau bis nach Bingen hinab; auf Mainz zu aber gibt es eine Anhöhe, auf der eine große weite Hoch-Fläche ist, wo vor Zeiten ein Wald gestanden hat, so dass man es noch heute „auf dem Wald“ nennt. Dort haben die Kaiser ihr Jagd-Vergnügen gehabt. Bei Essenheim ist noch ein Stück von diesem Wald übrig. Kaiser Karl hat diesen Flecken von vielen Abgaben befreit, insbesondere dass die Einwohne keinen <Wein-; 1544> Zehnten bzw. „Klein-Zehnten“ geben müssen. Sie zahlen allein den Zehnten von der Frucht. (H. G.)

 

Kommentar

Verglichen mit heutigen historischen Rückblicken wirkt ein solcher Text, der doch  einen Zeitraum von ca. 700 Jahren beschreibt,  etwas dürftig, bruchstückhaft, und oft mehr auf unterhaltende Kuriositäten bedacht als auf fundierte Information. Und das, obwohl man aus einigen Bemerkungen Sebastian Münsters durchaus entnehmen kann, dass dieser "Flecken"  ihm persönlich am Herzen lag (sein Geburtsort, die Säulen, die Karl angeblich aus Ravenna hat holen lassen, der bauliche Zustand der Pfalz, der Flurname "auf dem Wald").

 

Interessant aus heutiger Sicht ist sicherlich Folgendes:

 

1. Das seit der Stauferzeit hoch ummauerte Saalgebiet war also 1504 durchaus noch erfolgreich gegen Angriffe zu verteidigen.

 

2. Schon zu Münsters Zeiten war die gesamte Hochfläche Richtung Wackernheim - Finthen - Mainz, die noch in der Karolingerzeit ein zum Jagen geeignetes Waldgebiet war, längst (fast) ohne Wald, also eine reine landwirtschaftliche Nutzfläche.

 

3. "Ingelheim" wird von  Sebastian Münster als ein einziger Ort behandelt, sowohl in Texten, als auch auf Karten;  abgebildet wird aber nur der "Saal", also das Pfalz-Gebiet in Nieder-Ingelheim. Die Lagebeschreibung, die er in seinem Erklärungsversuch für die Attraktivität Ingelheims für die alten deutschen Kaiser verwendet, passt auch am besten auf Nieder-Ingelheim ("Außerdem hat dieser Fleck auch eine sehr freie Lage. Er liegt ein klein wenig an einer Höhe, und man hat freie Sicht in den Rheingau bis nach Bingen hinab...") Auf Ober-Ingelheim als eigenständige Siedlung kommt er nicht zu sprechen, obwohl dieser Ort mit Burgkirche, Mauerring und den Höfen wohlhabender Adliger durchaus ansehnlich und zumindest seit dem Ende des 14. Jahrhunderts der Hauptort des gesamten "Ingelheimer Grundes" ("superior") war. Vorsitzender des "Grundrates", einer Art Verwaltungsversammlung aller acht Orte des "Ingelheimer Grundes", war der Oberschultheiß von Ober-Ingelheim. Das "Dorf", das 1504 - also zu Lebzeiten Münsters! - von Landgraf Wilhelm niedergebrannt wurde, war wahrscheinlich die Nieder-Ingelheimer Siedlung auf dem "Belzen/Belzer", westlich der Pfalz bei der Remigiuskirche. 
Dass die Unterscheidung zwischen Ober- und Nieder-Ingelheim auch im Druckort Basel schon 1544 durchaus bekannt war, zeigt das Schlusswort zur "Fürmalung" über die Sonnenuhren, wo er zum einzigen Mal als aus "nider Ingelheim" stammend bezeichnet wird.

 

4. (Nieder- ?) Ingelheim hat sich 1337 offenbar für ein Ritterturnier mit einem großen Einzugsbereich (von Baden bis Braunschweig) geeignet. Man muss dabei mit einer Anzahl von Gästen rechnen, die sich im Bereich von 10 000 Personen (Adlige und Gefolge) bewegen dürfte (Herbert, Ingelheimer Lesebuch, S. 16).

 

5. Sebastian Münster musste sich anscheinend die Attraktivität der Ingelheimer Pfalz für frühmittelalterliche Könige eigens erklären, weil sie ihm nicht mehr von selbst einleuchtete. Zu seiner Zeit war (Nieder-) Ingelheim kein repräsentativer Ort mehr für deutsche Könige bzw. Kaiser.

 

6. "Besonders oft" hat sich Karl keineswegs in Ingelheim aufgehalten; nachweisen lassen sich drei, höchstens vier Mal, was im Vergleich zu anderen Pfalzen, z.B. Worms (16), Herstal (12), Aachen (27), von untergeordneter Bedeutung ist. Viel häufiger hielt sich sein Sohn, Ludwig der Fromme, in Ingelheim auf; von ihm sind mindestens 10 Besuche nachgewiesen.

 

7. Geboren ist er mit großer Wahrscheinlichkeit nicht im Hofgut Ingelheim; jedenfalls spricht aus heutiger wissenschaftlicher Sicht nichts dafür, obwohl sein Geburtsort nach wie vor nicht ermittelt ist. Die Sage von seiner Geburt in Ingelheim kam in staufischer Zeit auf, in der sog. Kaiserchronik von 1106.

 

8. Herzog Tassilo wurde nicht ins Kloster Lorsch verbannt, sondern bekam in St. Goar die Tonsur geschnitten und wurde dann ins Kloster Jumièges (westl. von Rouen in Nordfrankreich!) eingewiesen.

 

9. Ludwig der Fromme wurde nicht in Mainz, sondern in Metz beigesetzt, in der Kirche des Hl. Arnulf, des Merowinger-Stammvaters (wahrscheinlich eine Verschreibung von Metz statt Mentz).

 

10. Die Gründung des Augustiner-Chorherrenstifts durch Karl IV. erfolgte 1354. Er verpfändete 1375 das gesamte Reichsterritorium ("Ingelheimer Reich", später "Grund") an die Pfalzgrafen bei Rhein. Ingelheim wurde somit ein Territorium der Pfalzgrafschaft, seine Einwohner behielten aber bis zur napoleonischen Zeit, als das gesamte Gebiet links des Rheines 1801 an Frankreich fiel, noch Vorrechte aus ihren früheren reichsunmittelbaren Zeiten.

H. G., aktualisiert 27.10.06

 

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