Sebastian Münster

Namenspatron des Ingelheimer Gymnasiums


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Deutsche Übersetzung des Briefes

(von K. H. Burmeister)

 

 

Den hochgebildeten und hochgelehrten Männern, den Herren Cornelius Wouters1 von Gent und Georg Kassander2, seinen erhabenen Freunden, Köln.

Meinen Gruß! Hochgelehrte Männer, die Arbeit, die nun schon lange in meinen Händen liegt, habe ich jetzt endlich schlecht und recht beendet. Ich sage "schlecht und recht", weil dieses Unternehmen kein Ende hat, was die Schriftstücke beweisen, die mir von Zeit zu Zeit geschickt werden. So sandte mir der Pfalzgraf Johannes ein Bild seiner Stadt3, die Pommern schickten mir auch verschiedene Bilder und Beschreibungen, die Nördlinger eine Beschreibung ihres Rätiens, die Straßburger fertigen auch ein Bild ihrer Stadt an, die von Baden-Baden wollen ihren Ort verherrlichen. Nur die Niederdeutschen tragen nichts bei, obwohl sie doch so herrliche Städte bewohnen. Wie ich höre, gibt es bei Euch ein Bild der Stadt Gent, das ich auch dem Buch einverleiben möchte; aber man muss sich an den Rat wenden, dass er auch eine geldliche Unterstützung schickt, wie es fast alle andern Städte Deutschlands getan haben: Wer könnte sonst solche Kosten tragen! Das weiß ich, dass wir allein für das Schneiden der Bilder 450 Gulden Unkosten gehabt haben; aber, wie ich bereits schrieb, haben die Fürsten, Bischöfe und Städte diese Kosten etwas erleichtert. Die Bilder ausländischer Städte werden auf unsere Kosten angefertigt, so die von Paris, Rom, Florenz, Kairo (das jetzt gerade geschnitten wird), Konstantinopel, Venedig, Belgrad, Algier, Jerusalem usw. Ich habe mich mit meinen Briefen auch an die Aachener, Utrechter und Lütticher gewandt, aber nichts erhalten. Vielleicht wird das veröffentlichte Buch demnächst noch mehrere anreizen, dass sie von sich aus ihre Arbeiten dazu beitragen. Aber hierüber genug, ich kehre zu Euch zurück.

Ich trauere mit Euch, beste Männer, dass Ihr bis heute immer noch aus der Heimat verbannt lebt, aber andererseits lobe ich Eure Beständigkeit in der von Euch angenommenen Erkenntnis der wahren Religion, dass nicht einmal die Liebe zu Eurem teuren Vaterland Euch wegreißen kann von der geahnten Liebe zum himmlischen Vaterland. Der Euch diesen heiligen Entschluss eingegeben hat, bewahre Euch bis ans Ende.

Wir leben hier immer noch nach unserer Gewohnheit, nachdem wir nun schon zwei Jahre lang durch viele Schrecken4 beunruhigt worden sind. Euch, Ihr besten Männer, danke ich vielmals für die Büchlein, die Ihr mir während der zwei Jahre geschickt habt, von denen das erstere, nämlich die Geschichte Flanderns5, mir von nicht geringem Vorteil war, da ich aus ihr die ganze Genealogie6 der Grafen von Flandern zusammenstellen konnte. Das andere über den Triumph, mit dem der König Philipp7 empfangen worden ist, habe ich nur oberflächlich gelesen und anderen zu lesen gegeben8. Wir werden sehen, was uns der Augsburger Reichstag9 bringen wird, der schon im Juni sein soll. Möge der Herr dafür sorgen, dass nur sein Ruhm gesucht wird. Ihr lebet inzwischen wohl!

Basel, den 4. Mai 1550                                               Sebast. Münster

 

1. Cornelius Wouters, gestorben 1582, aus einem Genter Patriziergeschlecht, Kanoniker in Brügge. Er verfasste eine Biographie Kassanders, ferner „Annotationes in Hegesippum de bello Judaico“.

2. Georg Kassander, geboren 1518 bei Brügge, gestorben 1566 in Köln, Vermittlungstheologe, studierte in Löwen und wirkte als Lehrer in Brügge, das er aus religiösen Gründen verlassen mußte. Seit 1549 lebte er in Köln und Duisburg, u. a. als Ratgeber Herzog Wilhelms des Reichen von Kleve.

3. Simmern im Hunsrück.

4. Damit sind wohl die Rückschläge der Reformation gemeint, die seit 1548 durch das Interim vor allem in Südwestdeutschland eintraten; in Basel hat man das also aus nächster Nähe beobachten können. Vgl. auch Münsters Anspielungen auf das Interim in Brief Nr. 36.

5. Es handelt sich um die Schrift Rerum Flandricarum libri X, Brügge 1531, von Jacques de Meyere.

6. Cosm., S.119-127; es ist die ausführlichste Genealogie in der Kosmographie überhaupt.

7.  Der spätere spanische König Philipp II., geboren 1527 in Valladolid, gestorben 1598. Über seinen begeisterten Empfang durch die niederländische Bevölkerung vgl. Cosm., S. 117, sowie die Beschreibung von Rotterdam. Philipp zog am 1. April 1549 in Brüssel ein.

8. Diese Schrift über den Empfang Philipps in den Niederlanden, vermutlich eine politische Flugschrift im Hinblick auf die von Karl V. propagierte Wahl Philipps zum römischen König, habe ich bibliographisch nicht feststellen können.

9. Die Pläne Karls V., die Wahl Philipps durchzusetzen, scheiterten auf dem Reichstag zu Augsburg 1550. Hauptgegner Karls waren sein Bruder Ferdinand und die protestantischen Kurfürsten, die erneut eine Koalition bildeten.

Autograph UB Leiden, Vulc. 105 II.; hg. v. A. Wolkenhauer, „Abhandlungen der Gesellschaft der Wissenschaften zu Göttingen“, Philol.- Histor. Klasse, N. F. Bd. 11, Nr. 3, Berlin 1909, S. 67f.

 

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