|
Den
hochgebildeten und hochgelehrten Männern, den Herren Cornelius Wouters1
von Gent und Georg Kassander2, seinen erhabenen Freunden, Köln.
Meinen
Gruß! Hochgelehrte Männer, die Arbeit, die nun schon lange in meinen Händen
liegt, habe ich jetzt endlich schlecht und recht beendet. Ich sage
"schlecht und recht", weil dieses Unternehmen kein Ende hat,
was die Schriftstücke beweisen, die mir von Zeit zu Zeit geschickt
werden. So sandte mir der Pfalzgraf Johannes ein Bild seiner Stadt3,
die Pommern schickten mir auch verschiedene Bilder und Beschreibungen,
die Nördlinger eine Beschreibung ihres Rätiens, die Straßburger
fertigen auch ein Bild ihrer Stadt an, die von Baden-Baden wollen ihren
Ort verherrlichen. Nur die Niederdeutschen tragen nichts bei, obwohl sie
doch so herrliche Städte bewohnen. Wie ich höre, gibt es bei Euch ein
Bild der Stadt Gent, das ich auch dem Buch einverleiben möchte; aber
man muss sich an den Rat wenden, dass er auch eine geldliche Unterstützung
schickt, wie es fast alle andern Städte Deutschlands getan haben: Wer könnte
sonst solche Kosten tragen! Das weiß ich, dass wir allein für das
Schneiden der Bilder 450 Gulden Unkosten gehabt haben; aber, wie ich bereits schrieb, haben
die Fürsten, Bischöfe und Städte diese Kosten etwas erleichtert. Die
Bilder ausländischer Städte werden auf unsere Kosten angefertigt, so
die von Paris, Rom, Florenz, Kairo (das jetzt gerade geschnitten wird),
Konstantinopel, Venedig, Belgrad, Algier, Jerusalem usw. Ich habe mich
mit meinen Briefen auch an die Aachener, Utrechter und Lütticher
gewandt, aber nichts erhalten. Vielleicht wird das veröffentlichte Buch
demnächst noch mehrere anreizen, dass sie von sich aus ihre Arbeiten
dazu beitragen. Aber hierüber genug, ich kehre zu Euch zurück.
Ich
trauere mit Euch, beste Männer, dass Ihr bis heute immer noch aus der
Heimat verbannt lebt, aber andererseits lobe ich Eure Beständigkeit in
der von Euch angenommenen Erkenntnis der wahren Religion, dass nicht
einmal die Liebe zu Eurem teuren Vaterland Euch wegreißen kann von der
geahnten Liebe zum himmlischen Vaterland. Der Euch diesen heiligen
Entschluss eingegeben hat, bewahre Euch bis ans Ende.
Wir
leben hier immer noch nach unserer Gewohnheit, nachdem wir nun schon
zwei Jahre lang durch viele Schrecken4 beunruhigt worden
sind. Euch, Ihr besten Männer, danke ich vielmals für die Büchlein,
die Ihr mir während der zwei Jahre geschickt habt, von denen das
erstere, nämlich die Geschichte Flanderns5, mir von nicht
geringem Vorteil war, da ich aus ihr die ganze Genealogie6 der
Grafen von Flandern zusammenstellen konnte. Das andere über den
Triumph, mit dem der König Philipp7 empfangen worden ist,
habe ich nur oberflächlich gelesen und anderen zu lesen gegeben8.
Wir werden sehen, was uns der Augsburger Reichstag9 bringen
wird, der schon im Juni sein soll. Möge der Herr dafür sorgen, dass
nur sein Ruhm gesucht wird. Ihr lebet inzwischen wohl!
Basel, den 4. Mai 1550
Sebast. Münster
1. Cornelius
Wouters, gestorben 1582,
aus einem Genter Patriziergeschlecht, Kanoniker in Brügge. Er verfasste
eine Biographie Kassanders, ferner „Annotationes in Hegesippum de
bello Judaico“.
2. Georg Kassander, geboren 1518 bei Brügge, gestorben 1566 in Köln, Vermittlungstheologe, studierte in Löwen und wirkte als
Lehrer in Brügge, das er aus religiösen Gründen verlassen mußte.
Seit 1549 lebte er in Köln und Duisburg, u. a. als Ratgeber Herzog Wilhelms
des Reichen von Kleve.
3.
Simmern
im Hunsrück.
4.
Damit
sind wohl die Rückschläge der Reformation gemeint, die seit 1548 durch das Interim
vor allem in Südwestdeutschland eintraten; in Basel hat man das also
aus nächster Nähe beobachten können. Vgl. auch Münsters Anspielungen
auf das Interim in Brief Nr. 36.
5. Es handelt sich um die
Schrift Rerum Flandricarum libri X, Brügge 1531,
von Jacques de Meyere.
6. Cosm.,
S.119-127;
es ist die ausführlichste Genealogie in der Kosmographie überhaupt.
7.
Der spätere spanische König Philipp II., geboren 1527 in Valladolid, gestorben 1598.
Über seinen begeisterten Empfang durch die niederländische Bevölkerung
vgl. Cosm., S. 117, sowie die
Beschreibung von Rotterdam. Philipp zog am 1. April 1549 in Brüssel ein.
8. Diese Schrift über den Empfang Philipps in den
Niederlanden, vermutlich eine politische Flugschrift im Hinblick auf die
von Karl V. propagierte Wahl Philipps zum römischen König, habe ich
bibliographisch nicht feststellen können.
9.
Die Pläne
Karls V., die Wahl Philipps durchzusetzen, scheiterten auf dem Reichstag
zu Augsburg 1550. Hauptgegner Karls waren sein Bruder Ferdinand und die
protestantischen Kurfürsten, die erneut eine Koalition bildeten.
Autograph UB Leiden, Vulc. 105 II.; hg. v. A.
Wolkenhauer, „Abhandlungen der Gesellschaft der Wissenschaften zu Göttingen“,
Philol.- Histor. Klasse, N. F. Bd. 11,
Nr. 3, Berlin 1909,
S. 67f.
|