Die
historische Bedeutung Sebastian Münsters
Sebastian Münster
lebte in einer Zeit des Umbruchs vom Spätmittelalter zur Neuzeit. Die
Renaissance aus Italien, Humanismus, Reformation, wissenschaftliche
Entdeckungen, die folgenreiche Erfindung des Druckens
mit beweglichen Lettern
und der Bauernkrieg in Süddeutschland waren die bewegenden Ereignisse jener
Zeit. Die überkommenen Geltungsansprüche der Kirche, ihr Besitz- und
Machtstreben, aber auch ihre Jahrhunderte lange Unterdrückung des Individuums
wurden von Ideen und Kräften der aufklärenden Wissenschaften und der Reformation gebrochen oder folgenschwer in Frage gestellt.
Sebastian Münster
war nicht, wie Philipp Melanchthon, Erasmus von
Rotterdam, Theophrastus
Bombastus Paracelsus oder Martin Luther, eine herausragende Persönlichkeit in
diesem politischen und konfessionellen Streit. Er war auch nicht so kämpferisch
wie sein Altersgenosse Ulrich von Hutten (1488 bis 1523), der schon 1505
demonstrativ das Kloster verlassen hatte und sich streitbar in die
Auseinandersetzungen der Zeit einmischte. Münster verhielt sich vielmehr
zurückhaltend.
Den Bauernkrieg
von 1524 bis 1525, der sich gegen
obrigkeitliche Willkür und Ausbeutung richtete und der durch die sozialreligiösen
Ideen der Reformation vielerorts erst zum Ausbruch kam, erwähnte Münster in
seiner Kosmographie nur am Rande, obwohl er persönlich von diesen Ereignissen
betroffen war. Auf einer Reise nach Heidelberg kam er; wie er selbst berichtete,
dreimal in Lebensgefahr, als revoltierende Bauern den Franziskanermönch in der
Kutte bedrängten, da sie in ihm einen Vertreter der verhassten, landbesitzenden
Kirche sahen. »Man solle alle Mönche und Pfaffen totschlagen«, hieß es in
einem zeitgenössischen Flugblatt.
Die erhalten
gebliebenen lateinischen Briefe von Münster, kaum 50 von sicherlich
Tausenden, vermitteln einen Einblick in Münsters Gedanken, Sorgen und Pläne.
Um sich einen Freiraum für seine wissenschaftliche Arbeit zu erhalten, verhielt
er sich betont diplomatisch und unterhielt weitreichende Beziehungen zur
katholischen Kirche. Die Inschrift in seinem erblichen Wappen in Basel »in
portu navigo« gibt ein anschauliches Bild seiner allgemeinen Lebenseinstellung:
Ich segle im Hafen. Münster wollte ungestört und beschützt seine
wissenschaftlichen Studien treiben. Den Schutz fand er zunächst in der klösterlichen
Gemeinschaft des Ordens, dann in der Universität des reformierten Basel.
Wie es in jener
unruhigen Zeit innerlich um ihn stand, geht aus einem Brief an den Humanisten
und Freund Beatus Bild aus Schlettstadt, genannt Rhenanus, vom 9. März 1926
hervor: »Ich möchte aus dem Orden austreten und so sein wie die andern guten
Christen, aber es ist nicht erlaubt oder doch wenigstens bis jetzt nicht förderlich,
wo ich auf der Erde bekannter bin als mir lieb ist« (Brief 1526).
Aus Vorsicht
unterzeichnete Münster diesen Brief nur mit »Dein Be- kannter«. Die »guten«
Christen waren für Münster die reformierten Christen. 1517 hatte Luther mit
seinen Thesen die römische Kirche herausgefordert. Münster war sehr
beeindruckt, aber ein Übertritt zur Reformation war in Heidelberg »nicht
erlaubt oder doch wenigstens bis jetzt nicht förderlich«. Er hätte den Bruch
mit der Kirche und mit dem Landesfürsten bedeutet, was seine Professur an der
Universität gekostet hätte.
Doch 1529
wurde Münster auf den (durch den Fortgang seines früheren Lehrers Pellikan
frei gewordenen) Lehrstuhl für Hebraistik nach Basel berufen. Basel hatte sich,
im Gegensatz zu Heidelberg, der Reformation angeschlossen. Damit ergab sich für
Münster eine ausgezeichnete Möglichkeit, seine berufliche und konfessionelle
Zukunft neu zu gründen und neu zu sichern. Ohne Erlaubnis seines Ordens reiste
Münster nach Basel und trat, wie sein Lehrer und Vorgänger Pellikan, aus dem
Orden aus und zur Reformation über. Münster folgte dem Ruf nach Basel. Sein
Jahresgehalt betrug 60 Gulden, während er in Heidelberg von 25 Gulden
Jahresgehalt nur 5 zur persönlichen
Verwendung behalten durfte.
Aus: Friedt, Friedensliebe...
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