Russisch

Russisch als dritte Fremdsprache?

-Informationen und Entscheidungshilfe-

                                                                                                                                                                            

  1. Russisch an unserer Schule

    • Das SMG Ingelheim gehört zu den wenigen Gymnasien in RLP, die Russisch als 3.Fremdsprache anbieten (nur ca. 10 Stück).

    • Russisch wird ab Klasse 9 bei entsprechender Nachfrage als Wahlfach zusätzlich zum regulären Unterricht mit drei Wochenstunden angeboten; es kann ggf. zum Schuljahresende oder zum Halbjahr abgegeben werden.

    • In der Oberstufe wird Russisch bei entsprechender Nachfrage als Grundkurs bis Jahrgangsstufe 13 angeboten (2 bis 3 Wochenstunden). Diese Kurse können in die Grundfachqualifikation eingebracht werden, ein anderes Grundfach kann damit also ausgeglichen werden. Bei entsprechender Fächerkombination kann man Russisch als mündliches Prüfungsfach wählen; es kann auch eine BLL in Russisch angefertigt werden.

    • Der überwiegende Teil der Schüler in den Russischkursen sind „Fremdsprachenlernende“ ohne russischen familiären Hintergrund; ein kleinerer Teil sind Schüler, die oder deren Eltern bzw. Verwandte russische Muttersprachler sind. Die Zusammenarbeit zwischen ihnen stellt kein Problem, eher eine Bereicherung für den Unterricht dar, da die Muttersprachler perfekte Vorbilder für die richtige Aussprache sind und viele Kenntnisse einbringen können, von denen die „Fremdsprachenlerner“ profitieren.

    • Alle Teilnehmende an den Russischkursen haben die Möglichkeit, am Schüleraustausch zwischen dem SMG und dem Gymnasium Nr.4 in Wolgograd teilzunehmen. Im September/Oktober 2016 sind 16 SchülerInnen mit zwei Lehrerinnen aus Wolgograd ans SMG gekommen und haben solange in Ingelheimer Familien gewohnt. Für 15. bis 24. September 2017 ist der Gegenbesuch in Wolgograd geplant, wo die SMG-Schüler den Alltag der russischen Partnerfamilien hautnah erleben werden. Bei der ersten Begegnung in Ingelheim 2014, beim Gegenbesuch in Russland 2015 und auch 2016 in Ingelheim sind einige deutsch-russische Freundschaften entstanden, welche die SMG-Schüler zum weiteren Russischlernen motiviert haben. Weiterhin kooperiert das SMG mit der Sportjugend Rheinland-Pfalz, die eine Partnerschaft mit dem Gymnasium Nr. 35 in Jekaterinburg am Ural unterhält. SMG-Schüler können in den Sommerfeien gemeinsam mit Schülern anderer Schulen auch an diesem Austausch teilnehmen. Russischkenntnisse sind dazu nicht notwendig.

    • Auf Wunsch werden weitere private Kontakte nach Russland/Ukraine oder individuelle Auslandsaufenthalte, Praktika, Workcamps u.ä. vermittelt.

  2. Argumente für Russisch als dritte Fremdsprache

    • Die große Verbreitung und internationale Bedeutung:

      • Russisch ist die Muttersprache von über 150 Millionen Menschen, gehört zu den zwölf am meisten verbreiteten Sprachen der Welt (10.Platz noch vor Französisch und Deutsch), ist die wichtigste Verkehrssprache in Osteuropa und eine der offiziellen Verkehrs- und Diplomatensprachen der UNO. Russisch belegt den 4.Platz bezüglich des Status in internationalen Organisationen nach Englisch, Französisch und Spanisch.

    • Russisch bietet Zugang zu anderen slawischen Sprachen und zu Osteuropa

      • Russisch ist anderen slawischen Sprachen wie Tschechisch, Polnisch, Kroatisch, Serbisch oder Bulgarisch sehr ähnlich. Deren Wortschatz ist mit Russischkenntnissen leicht zu erschließen. Wer Russisch kann, lernt diese also recht mühelos und schnell. Durch die EU-Mitgliedschaft vieler osteuropäischen Staaten öffnen sich so zahlreiche Perspektiven für deutsche Studenten mit Russischkenntnissen.

      • So verbrachte ein SMG-Absolvent des Abiturjahrgangs 2012 kürzlich ein ERASMUS-Jahr in Polen und musste die Landessprache erlernen. Er war froh über seine Russischkenntnisse, da diese ihm das Polnischlernen erleichtern: „Die Sprache ist dem Russischen sehr ähnlich, nur mit lateinischen Buchstaben“, so der ehemalige Schüler. In den Staaten der ehemaligen Sowjetunion ist Zweisprachigkeit (Landessprache und Russisch) stark verbreitet; dies ist besonders interessant in den wirtschaftlich und touristisch prosperierenden Baltikumstaaten Litauen, Estland, Lettland mit nichtslawischen (und schwierig zu erlernenden) Landessprachen.

    • Russisch verbessert die Chancen am Arbeitsmarkt:

      • Auch wenn in den letzten Monaten aufgrund politischer Spannungen und EU-Sanktionen das Handelsvolumen zwischen Deutschland und Russland (auf immer noch 76,5 Mrd. Euro) zurückgegangen ist, spielen die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen beiden Ländern eine wichtige Rolle für die deutsche Wirtschaft. Das spiegelt sich auf dem Arbeitsmarkt wieder, wie Zahlen des Ost-Ausschusses der deutschen Wirtschaft zeigen:  Die Zahl der in Deutschland vom Handel mit Russland abhängigen Arbeitsplätze liegt bei ungefähr 350.000. Die Höhe deutscher Direktinvestitionen in Russland beträgt derzeit etwa 20 Mrd. Euro, darunter sind Firmen wie VW, Adidas, metro, e.on. Auch Mercedes plant aktuell eine Zusammenarbeit mit Russland. Laut Eckhard Cordes, der Vorsitzende dieses Ausschusses, sollen wir  in der momentan angespannten Lage „…alles versuchen, damit Russland als wirtschaftlicher und politischer Partner erhalten bleibt. Ohne Russland lässt sich Europa schwer bauen, gegen Russland ist es praktisch unmöglich.“ (Zitiert nach dem SPIEGEL 6/2015) Daher setzt sich der Ausschuss für eine enge Modernisierungspartnerschaft ein, von der auch der deutsche Markt profitiert. Die Kanzlerin Merkel hat eine schon ältere Idee wieder aufgegriffen: Eine Freihandelszone zwischen der EU und der Eurasischen Union, also von Lissabon  bis Wladiwostok, soll eine erneute Annäherung bewirken. Sollte dies umgesetzt werden, wird ein Boom der deutsch-russischen Wirtschaftsbeziehungen einsetzen  und für einen großen Bedarf an Fachkräften mit Russischkenntnissen sorgen.  Bewerber mit Russischkenntnissen (zusätzlich zu Englisch) fallen aber unabhängig von der  Wirtschaftslage stets positiv auf, da sie besonderes Engagement und politischen wie wirtschaftlichen Weitblick zeigen, außerdem sind sie besonders in den alten Bundesländern sehr rar.

    • Russischunterricht bietet Einblick in die russische/slawische Lebensweise

      • Die Texte und Bilder in den Russisch-Lehrbüchern sowie persönliche Kontakte zu Russen oder Menschen russischer Herkunft im Unterricht (Praktikanten, auch Schüler) vermitteln den Alltag und Bräuche der Menschen in Russland bzw. dessen Nachbarstaaten. Es finden Projekte im Unterricht statt, in denen Schüler die russische Lebensweise erleben können, z.B. russisch kochen, russische Lieder singen und russische Popmusik hören, Besuche im russischen Restaurant oder Laden, russische TV-Filme... Dazu sollen natürlich besonders die Austausch-Fahrten nach Wolgograd und die deutsch-russischen Kontakte beitragen.

    • Russisch hat hohen Bildungswert und schafft kulturelle Kompetenz

      • Russisch ist die Sprache weltberühmter Künstler wie z.B. der Schriftsteller Tolstoj, Dostojewski oder Puschkin, Komponisten wie Tschaikowskij, Mussorgskij, Rachmaninow oder Prokofiew, der Maler Repin, Jawlenskij und Kandinskij. Aus Russland stammen Wissenschaftler wie der Biologe Pawlow , der Chemiker  Mendeleew (Periodensystem der Elemente) oder der Mediziner Korotkow, der die Bludruckmessung entwickelt hat. Russland hat stets die intellektuelle Elite stark gefördert, auch vor der Sowjetzeit.

      • Die Sprache hat außerdem ähnlich wie Latein einen formalbildenden Charakter, d.h. es schult die Denkfähigkeit (z.B. grammatische Kategorien bilden) durch sein komplexes Deklinationssystem.

    • Russischkenntnisse fördern gute deutsch-russische Beziehungen und Toleranz

      • Deutsch-russische Jugendbegegnungen wie die zwischen den SMG und dem Gymnasium Nr.4 wirken Vorurteilen entgegen, fördern das Verständnis fremder Kulturen, schaffen interkulturelle Kompetenz, die auch bezüglich der beruflichen Zukunft immer wichtiger wird. Gerade in einer Zeit, in der Russland bzw. dessen Regierung in den Medien sehr negativ dargestellt wird, zeugt die Teilnahme an Austauschprojekten mit Russland von großer Offenheit und Vorurteilslosigkeit der Jugendlichen und ihrer Eltern.

      • Zudem leben in Deutschland insgesamt etwa drei Millionen Spätaussiedler und eingewanderte Personen aus den GUS-Staaten (z.B. jüdischen Glaubens), die zum Teil bereits gut integriert sind. Deutsche mit Russischkenntnissen können viel beitragen zur Integration des anderen Teils- durch Vorurteilslosigkeit, Kenntnis ihrer Kultur und freundschaftliche Kontakte. Dies untermauert auch das Motto unserer „Schule ohne Rassismus“.

    • Enge historische Beziehungen zwischen Deutschen und Russen

      • Bereits der Zar Peter der Erste (1672-1725) orientierte sich an Westeuropa, ließ sich u.a. in Deutschland gründlich  ausbilden. Hiervon zeugen viele deutsche Begriffe in der russischen Sprache (der Städtename „St. Petersburg“, „Ландшафт, deutsch Landschaft“). Er öffnete das Land zum Westen, Deutschland bzw. Westeuropa  wurde Russlands Vorbild. So gewann die deutsche Sprache dort  große Bedeutung bis in die Gegenwart. In der Zaren- bzw. Kaiserzeit gab es zahlreiche Verbindungen zwischen russischen und deutschen Adeligen. Hiervon zeugen z.B. die prachtvollen russisch-orthodoxen Kapellen in Wiesbaden und Darmstadt.

      • Die Zarin Katharina II. (1729-1796) war eine deutsche Prinzessin und holte im 18. Jahrhundert viele Deutsche nach Russland, um das Land mit deutschen Know-how und Fleiß weiter zu entwickeln , die Vorfahren der sogenannten Spätaussiedler.

      • Doch durch die leidvolle Geschichte von Russen und Deutschen im Zweiten Weltkrieg haben die beiden Völker besondere Verantwortung für Frieden in allen Ländern Europas. Das gilt auch im Austauschprojekt mit Wolgograd, dem ehemaligen Stalingrad. Die Auseinandersetzung mit der Realität und den Folgen des Zweiten Weltkrieges sollen das Bewusstsein dafür schärfen, wie wichtig es ist, den Frieden zu erhalten und sich um politische Lösungen von Konflikten zu bemühen.

  3. Ist Russisch schwer zu lernen?

    • Das kyrillische Alphabet stellt erfahrungsgemäß keine große Schwierigkeit dar, dieses wie eine „Geheimschrift“ zu lernen ist für die Schüler eher reizvoll.

    • Einige Buchstaben sind im kyrillischen und unserem lateinischen Alphabet identisch, auch die gesprochenen Laute sind fast gleich z.B. A, E, K, M, O, T  Bsp какао мама 

    • Andere Buchstaben gibt es in beiden Alphabeten, sie werden aber unterschiedlich ausgesprochen, beispielsweise  B (W)  C (S),  P (R), Y (U); Bsp:  восток  самовар  Москва

    • Manche Buchstaben gibt es nur im kyrillischen Alphabet, sie entsprechen aber bestimmten Lauten unseres Alphabets, z.B. б(b) г (g) д (d) з (s) п (p) л (l) и (i) н (n)  ф Bsp: аптека, Лондон

    • Außerdem gibt es im kyrillischen Alphabet Buchstaben bzw. Laute, die es in unserem Alphabet nicht gibt. Teilweise sind diese für Deutsche leicht zu sprechen, z.B. ш (sch), ю(ju), я(ja), teilweise müssen sie geübt werden (ы).

    • Der Wortschatz ist reicher als im Deutschen, beispielsweise gibt es mehr Verben, deren Bedeutungsnuancen oft durch Vorsilben oder Binnensilben ausgedrückt werden können. Wenn man ihre Bedeutung kennt, können diese Nuancen allerdings erschlossen werden. Dies stellt eine der Schwierigkeiten des Russischen dar, hat aber den Vorteil, dass man Kontraste zum Deutschen herstellt und so auch die Muttersprache gründlich reflektiert und kennen lernt.

    • Andererseits ist der Alltagswortschatz geprägt von Internationalismen, die besonders oft gebraucht und leicht verstanden werden, z.B. ресторан, кафе, театр, клуб, аэропорт.

    • Russisch ist eine formenreiche Sprache mit sechs Fällen, die jeweils unterschiedliche Endungen für Nomina und Adjektive haben. Diese werden im Unterricht gründlich geübt, so dass sie von Fremdsprachenlernenden nach etwa einem bis zwei Jahren Unterricht beherrscht werden. Dagegen ist das Tempussystem  (Zeiten) extrem einfach, es gibt z.B. nur eine Vergangenheitsform, die zugleich sehr einfach zu bilden ist; es müssen auch keine Konjunktivformen gelernt werden.

    • Russisch hat also seine speziellen Schwierigkeiten, v.a. das reichhaltige Verbensystem, ist aber insgesamt nicht schwerer als andere Fremdsprachen - es ist nur nicht so vertraut. Die Schüler profitieren auch davon, dass  sie zuvor zwei andere Fremdsprachen gelernt haben.

  4. Welche Schüler sind für Russisch geeignet?

    • Schüler, die gerne Fremdsprachen lernen und denen diese in der Regel nicht sehr schwer fallen

    • Jugendliche, in deren Familie russisch (oder eine andere slawische Sprache) gesprochen wird, da sie hier auch das Schreiben und die Grammatik von Grund auf lernen, die Regeln der Grammatik werden ihnen hier oft erstmals bewusst (z.B, die unterschiedlichen Formen bei Mengenangaben bis vier und ab fünf)

    • Jugendliche, die sich für Russland, dessen Einwohner und deren Kultur interessieren und mehr darüber erfahren wollen, denn dies wird „nebenbei“ in den Lektionstexten sowie in Projekten mitgelernt

    • Begabte Schüler, die eine neue Herausforderung in der Schule suchen, die es reizt, eine andersartige Sprache als bisher zu lernen

    • Individualisten unter den Jugendlichen, die das Ungewöhnliche und Exotische reizt, die sich nicht am „mainstream“ orientieren

    • Schüler, die gerne nach Russland reisen und das Land kennenlernen möchten

  5. Anmerkungen zur Unterrichtsgestaltung

    • Unser Lehrwerk: 2011 wurde ein neues, zeitgemäßes Lehrbuch eingeführt: „Конечно“ (Klett) , das dem europäischen Referenzrahmen für Fremdsprachen entspricht.

    • Russisch wird als moderne Fremdsprache unterrichtet, d.h. die Schüler lesen z.B. Lehrbuchtexte und bearbeiten diese. Auf freies Sprechen z.B. zu Bildern oder in Partnerdialogen wird viel Wert gelegt, aber es werden als „Handwerkszeug“ auch grammatische Regeln vermittelt und eingeübt.

    • In den Oberstufenkursen werden in Schülervorträgen wichtige russische Persönlichkeiten vorgestellt (z.B. Katharina II., Peter I., Puschkin usw.), um die Allgemeinbildung zu vergrößern. Der Unterricht wird bisweilen mit diversen Projekten aufgelockert, z.B. Sprachspiele, russisch kochen im Cafe Münster,  russische Rockmusik hören, Singen russischer Volkslieder, im russischen Laden einkaufen, russische Kurzfilme anschauen.

    • Einmal jährlich fahren die SMG-Schüler zur rheinland-pfälzischen Russisch-Olympiade an wechselnden Orten in Rheinland-Pfalz.2011 fand sie am SMG statt. Folgendes Foto hat dabei ein Pressefotograph gemacht. 

Text: Bettina Buchner-Naujoks, Leiterin des Fachbereichs Russisch am SMG

Stand: Februar 2017